Kirche im Wandel

Ein Beitrag von Barbara Miller (Pastoralratsvorsitzende) 09.05.2021

Manchmal kommt mir unsere Kirche vor wie das große Containerschiff, das sich im Suezkanal verklemmt hat. Von allen Seiten wird gezogen und geschoben, um es wieder auf Kurs zu bringen. Die einen wollen es gerne rückwärts bewegen und die anderen wollen schnell nach vorne.
Ohne Frage gibt es einen Reformstau, denn das  Leben im 21. Jahrhundert hat mit den Moralvorstellungen der Kirche nicht mehr viel gemein. Reform klingt wie Reformation, da kommen alte Ängste hoch. Die patriarchalische Machtstruktur der Kath. Kirche ist vielen Menschen in Deutschland nicht mehr vermittelbar. Vor allem bei den Frauen regt sich Widerstand, denn sie sind die Leistungsträgerinnen in den kirchlichen Gremien und  Ehrenämtern. Immer wieder höre ich: “ Ja, ich bin schon gläubig, aber mit der Institution kann ich mich nicht mehr identifizieren“. Da ist der Weg zum Standesamt oft nicht mehr weit, um aus der Kirche auszutreten. In unserem Bistum ist Bischof Bertram Meier gerade dabei, die Richtung zu ändern. In dieser Woche wurden wichtige Ämter ausgetauscht. Priester, die von seinen Vorgängern Mixa und Zdarsa versetzt wurden, sind nun wieder in verantwortlichen Stellen. Auch er hat sich nun für ein spezielles Diakonat der Frauen ausgesprochen. Hoffen wir, dass sich das Kirchenschiff bald vorwärts bewegt, damit die Gläubigen sich darin wiederfinden können.

Ich habe die wichtigen Ereignisse seit dem II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) im ++Ticker++ (absteigend) aufgelistet:

21.5.2021++Papst Franziskus startet einen synodalen Reformprozess , der der katholischen Kirche mit Hilfe aller Gläubigen den Weg in die Zukunft ebnen soll.. Der Zeitplan der weltweiten Kirchendebatte reicht bis Oktober 2023.

10.5.2021: ++ In einer Münchner Gemeinde  lädt die Pfarrei St. Benedikt Paare, egal ob wieder verheiratet,  geschieden, verwitwet oder homosexuell  zur Segnunsfeier ein, obwohl Mitte März die Glaubenskongretation  im Vatikan ein Verbot ausgesprochen hat.  Viele katholische Pfarrer wollen das nicht mehr akzeptieren.

2019:  ++Aufgrund der Krise in der Katholischen haben die Bischöfe den  Reformprozess Synodaler Weg begonnen. Ulrich Hoffmann aus Weißenhorn ist einer der Vertreter des Bistums Augsburg (siehe Organigram S. 6). Im Gegensatz zu Maria 2.0 stellt der synodale Weg keine Forderungen, sondern arbeitet Handlungsempfehlungen aus, die über die Bischöfe an die Bischofskonferenz gestellt werden. Die vier Hauptthemen über die beraten wird, decken sich weitgehend mit den Resultaten der Mißbrauchsstudie und auch mit den Forderungen von Maria 2.0.  Beraterinnen sowie Beobachter aus dem Ausland sind ebenfalls dabei, denn nicht nur in Deutschland sind die Katholiken unzufrieden. Wegen der Corona Pandemie verzögern sich die Vollversammlungen mit Präsenz, sodass der Synodale Weg erst mit einjähriger Verspätung Ende 2022 enden wird. Manche Vorschläge könnten die Bischöfe in Deutschland sofort umsetzen. Aber die Weihe von Frauen zu Diakoninnen, eine zentrale Forderung von Maria 2.0, und die Entscheidung über den Zölibat wird nur im Vatikan entschieden. Es geht um eine Richtungsänderung, um die Kirche in die Moderne zu führen. Denn zwischenzeitlich verlassen nach den Kirchenfernen auch die engagierten Katholik*innen die Katholische Kirche,  so wie die beiden Mitinitiatorinnen der Kirchenreformbewegung „Maria 2.0“, Elisabeth Kötter und Andrea Voß-Frick.

Präsentation synodaler Weg

 

2019: ++In Münster legten engagierte Katholikinnen aus Protest eine Woche lang im Mai ihre Dienste nieder. Das Medieninteresse war enorm! Maria 2.0 war geboren.  Ihr Leitspruch ist: auftreten statt austreten. Inzwischen sind bei Maria 2.0 in vielen Bistümern Frauen und auch Ordensfrauen engagiert. Mit dem Thesenanschlag an über 1000 Kirchentüren im März 2021, erregten die Frauen wieder großes Aufsehen. Seit langem fordern die katholischen Frauenverbände Anteil an den Ämtern und nicht nur an Diensten, sie möchten endlich gleichberechtigt sein.

Die Frauen treten für Veränderungen in der Katholischen Kirche ein, einen entschiedeneren Kampf gegen sexuellen Missbrauch und für ein Ende der jahrhundertelangen Ungleichbehandlung. Sie fordern, dass die wichtigen Kirchenämter nicht länger den Männern vorbehalten bleiben, denn ohne das vielfältige Engagement der Frauen geht in der katholischen Kirche nichts mehr! Zurückhaltend sind die Reaktionen aus dem Vatikan. Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz kündigt einen Dialog an. Die Frage der Frauen muss dringend geklärt werden.

2018:++  Mit der MHG Studie die 2018 herauskam, wurde die systematische Vertuschung von sexualisierter Gewalt von Klerikern aufgedeckt. Es ist ein Glaubwürdigkeits- und ein Strukturproblem des reinen Männerklerus und es reicht bis in die höchsten Ämter. Der Schutz der Institution wurde höher angesiedelt als das Mitgefühl mit den Opfern. Seit dieser Zeit sind die Kirchenaustritte stark gestiegen. Es ist ein leiser Exodus und von außen betrachtet, nimmt die Führung der Katholischen Kirche das sehr gelassen an.

2010: ++  Der Missbrauch durch Kleriker am Berliner Canisius Gymnasium wurde öffentlich und zog eine Welle von weiteren Anzeigen nach sich. Viele Katholiken traten aus ihrer Kirche aus.  Die Aufarbeitung läuft seitdem eher zäh und quälend langsam und blockiert damit auch die Kirche.

1992: ++ Papst Johannes Paul II erlaubt, das auch Mädchen ministrieren dürfen.

1971 – 1975: ++ Die gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, so der offizielle Titel der Würzburger Synode, fand von 1971 bis 1975 statt. Sie prägt die Katholische Kirche in Deutschland bis heute. Bei der Würzburger Synode wurden die Ergebnisse des vatikanischen Konzils für Deutschland aufgearbeitet. Führende Köpfe waren Julius Kardinal Döpfner und Prof. Karl Rahner.  Schon damals ging es um den Zölibat und das Diakonat der Frau. Die sichtbarsten Ergebnisse waren:  Pastoral- und Gemeindereferent*innen  unterstützen die Priester.  Die Pfarrgemeinderäte wurden ins Leben gerufen und die  Laien wurden gestärkt und in den Wortgottesdienst eingebunden. Nach der Würzburger Synode herrschte wieder große Aufbruchsstimmung bei den Katholiken in Deutschland.

1973:++  Der Vatikan differenziert nicht mehr zwischen Männern und Frauen als Kommunionhelfer, es werden geeignete Personen gesucht. Heute sind Kommunionhelfer*innen nicht mehr wegzudenken.

Kommunionhelfer

 

 

 

1968: ++ Es werden geeignete männliche Personen für den Kommunionhelferdienst gesucht

1962 – 1965:  ++ II. Vatikanisches Konzil
Schon in diesen Jahren gab es eine Auseinandersetzung zwischen Erneuerern und Bewahrern. Die Sprache des Konzils war Latein,  was eine großer Vorteil in den Debatten  für die Deutschen war, deren Theologen das beste Latein sprachen. Und da sie, von den Beratern Küng, Ratzinger und Rahner bis hin zu den Konzilsvätern Frings, Volk und Döpfner, die zu den politischen Strippenziehern des fortschrittlichen Lagers zählten, konnten sie die Beschlüsse in ihre Richtung lenken. Die Beschlüsse des Konzils im Überblick finden Sie im Link.

Für uns alle waren die Beschlüsse der Liturgie am schnellsten spürbar. Der Volksaltar hielt Einzug in die Kirchen. Die Messe wurde komplett in Deutsch gehalten und die Predigt wurde nicht mehr von der Kanzel herab gehalten. Der Priester stand bei der Wandlung nicht mehr mit dem Rücken zum Volk am Hochaltar und es wurde die Handkommunion  eingeführt.  Es herrscht Aufbruchstimmung in der Katholischen Kirche!